

{"id":2433,"date":"1999-11-29T09:00:08","date_gmt":"1999-11-29T08:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.darksky.ch\/dsx\/de\/?p=2433"},"modified":"2017-04-03T01:08:26","modified_gmt":"2017-04-02T23:08:26","slug":"mehr-licht-mehr-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.darksky.ch\/dss\/de\/1999\/11\/mehr-licht-mehr-sicherheit\/","title":{"rendered":"Mehr Licht &#8211; mehr Sicherheit?"},"content":{"rendered":"<p><em>Dark-Sky Switzerland: Der Schein tr\u00fcgt\u00a0\u2013\u00a0Manchmal ist weniger mehr.<\/em><\/p>\n<p><em>von Philipp Heck<\/em> &#8211; Original erschienen in der MorgenWelt Wissenschaft am 29. November 1999<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheint der Zusammenhang klar: Je mehr Licht, desto gr\u00f6\u00dfer die Sicherheit. Hell erleuchtete Stra\u00dfen erh\u00f6hen die Verkehrssicherheit. Die m\u00f6glichst vollst\u00e4ndige Ausleuchtung jedes Winkels in unseren St\u00e4dten sch\u00fctzt vor Kriminalit\u00e4t. Doch eine Reihe von Studien &#8211; und nicht zuletzt auch die Alltagserfahrung &#8211; deuten auf einen komplexeren Zusammenhang hin: Entscheidend f\u00fcr die Sicherheit ist demnach nicht grunds\u00e4tzlich mehr Licht, sondern eine der jeweiligen Situation angepasste Beleuchtungsl\u00f6sung. Und das kann mitunter sogar bedeuten, dass die Beleuchtung zu reduzieren w\u00e4re.<\/p>\n<p>Eine vom amerikanischen Justizministerium durchgef\u00fchrte Studie belegte bereits 1977, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Kriminalit\u00e4t und Beleuchtung gibt. \u00c4hnliche Untersuchungen aus anderen L\u00e4ndern best\u00e4tigen seither immer wieder dieses Ergebnis. Manches deutet in den letzten Jahren sogar darauf hin, dass eine Zunahme von Kriminalit\u00e4t in St\u00e4dten und Ballungsr\u00e4umen zu verzeichnen ist &#8211; bei gleichzeitiger Intensivierung der Au\u00dfenbeleuchtung! Wie die Studien zeigen, nimmt bei zunehmender Beleuchtung zwar die Angst der Bev\u00f6lkerung vor Verbrechen ab, die Verbrechen selbst geschehen jedoch unabh\u00e4ngig davon.<\/p>\n<p>Bei der Planung von Au\u00dfenbeleuchtungen empfiehlt es sich deshalb Ziel und Zweck der Ausleuchtung st\u00e4rker als bisher zu hinterfragen. Au\u00dferdem gilt es, die lokalen Gegebenheiten zu beachten und diese in die Planung einzubeziehen. Wichtig ist dabei vor allem, Blendungen und die Entstehung von Schlagschatten zu vermeiden &#8211; sonst kehrt sich der Effekt der Beleuchtung n\u00e4mlich ins Gegenteil um: Einbr\u00fcche und \u00dcberf\u00e4lle werden nicht erschwert, sondern sogar erleichtert. Ein geblendeter Passant oder Anwohner erkennt potenzielle T\u00e4ter wesentlich schlechter oder gar nicht. Schlagschatten verschaffen Kriminellen eine zus\u00e4tzliche Tarnung.<\/p>\n<p>Der direkte Blick in die Leuchtquellen sollte daher stets durch den Einsatz von Blenden vermieden werden. Wegbeleuchtungen sollten, ihrem Zweck entsprechend, den Weg beleuchten &#8211; und nicht die Hausw\u00e4nde oder gar den Nachthimmel. Und Schlagschatten werden nicht durch immer hellere Lampen, sondern durch den Einsatz vieler &#8211; nur m\u00e4\u00dfig heller &#8211; Lichtquellen vermieden. Effektiv sind auch Beleuchtungen, die an Bewegungsmelder gekoppelt sind, weil sie nur dann erstrahlen, wenn sie wirklich ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Stra\u00dfenbeleuchtung gelten die gleichen Grunds\u00e4tze: Es gilt, Blendung und Schlagschatten zu vermeiden. Gef\u00e4hrliche Passagen &#8211; wie enge Kurven oder Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberg\u00e4nge &#8211; m\u00fcssen nat\u00fcrlich auff\u00e4llig beleuchtet werden. Die Signalwirkung dieser Abschnitte wird aber noch erh\u00f6ht, wenn die \u00fcbrige Beleuchtung angemessen reduziert wird. Eine gleichf\u00f6rmige Ausleuchtung der Stra\u00dfe kann au\u00dferdem, wie wiederum Untersuchungen aus den USA belegen, zu einer verminderten Aufmerksamkeit f\u00fchren, da sie die Autofahrer in tr\u00fcgerische Sicherheit wiegt.<\/p>\n<p>Besonders st\u00f6rend und gef\u00e4hrdend f\u00fcr Verkehrsteilnehmer sind animierte Leuchtreklamen und die sogenannten Skybeamer, die von Diskotheken zu Werbezwecken eingesetzt werden. Nach dem Schweizer Stra\u00dfenverkehrsgesetz sind solche Leuchtreklamen bereits seit September 1979 in der N\u00e4he von Stra\u00dfen eindeutig verboten. Generell stellt jede Form der Stra\u00dfenrand-Beleuchtung, die eine gewisse Fl\u00e4che \u00fcberschreitet und massiv heller ist, als die &#8222;normale&#8220; Stra\u00dfenbeleuchtung, eine Gefahr f\u00fcr die Sicherheit des Verkehrs dar. Beispiele daf\u00fcr sind etwa blendend hell beleuchtete S\u00e4ulen, die, in Augenh\u00f6he angebracht, den Autofahrer auf ein Gesch\u00e4ft oder eine Tankstelle hinweisen, oder aber Geb\u00e4udefassaden, die mit Halogen-Scheinwerfern glei\u00dfend hell angestrahlt werden.<\/p>\n<p>Auch die Schweizer Flugsicherung &#8222;Swisscontrol&#8220; beklagt sich \u00fcber die Zunahme von Skybeamern und erblickt darin eine ernsthafte Gef\u00e4hrdung der Flugsicherheit, insbesondere im Anflugbereich. Neben der Gef\u00e4hrdung des Luft- und Stra\u00dfenverkehrs stellen Skybeamer eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr f\u00fcr Zugv\u00f6gel dar. Die Schw\u00e4rme werden n\u00e4mlich durch das starke Licht von ihren g\u00fcnstig gew\u00e4hlten Routen abgelenkt. Dadurch verl\u00e4ngern sich die Flugrouten oft erheblich &#8211; was zum Tode von schw\u00e4cheren Tieren f\u00fchren kann. \u00c4hnliche Probleme sind seit langem von Leuchtt\u00fcrmen und hell beleuchteten Geb\u00e4uden her bekannt. F\u00fcr viele Zugv\u00f6gel werden die irritierenden Lichtquellen zu einer Falle &#8211; und ihre Reise endet in einer t\u00f6dlichen Kollision.<\/p>\n<p>Die Aufhellung der n\u00e4chtlichen Umgebung durch k\u00fcnstliche Beleuchtung stellt auch f\u00fcr nachtaktive Tiere, die auf die sch\u00fctzende Dunkelheit angewiesen sind, ein ernstes Problem dar. Beim ersten europ\u00e4ischen Kongress zum Schutze des Nachthimmels, der 1998 in Paris stattfand, wurde jedoch deutlich, dass es bislang an wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema mangelte. Inzwischen ist es aber zumindest vereinzelt gelungen, staatliche F\u00f6rdermittel f\u00fcr derartige Projekte einzuwerben. So konnten an der katalonischen Mittelmeerk\u00fcste systematische Beobachtungen an nachtaktiven Insekten durchgef\u00fchrt werden. Die Insektenforscher stellten dabei fest, dass manche Arten von Nachtfaltern \u00fcberdurchschnittlich stark von hellen Beleuchtungsk\u00f6rpern angezogen werden und dadurch zu einer leichte Beute f\u00fcr Flederm\u00e4use und nachtaktive V\u00f6gel werden. Die Populationen einiger Arten wurden bereits stark dezimiert und das \u00dcberleben dieser Arten ist gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Es gibt also gen\u00fcgend Gr\u00fcnde daf\u00fcr, die \u00fcbertriebene Beleuchtung unserer St\u00e4dte zu \u00fcberdenken. Die Au\u00dfenbeleuchtung soll in erster Linie unserer Sicherheit dienen. Dieses Ziel l\u00e4sst sich am Besten durch den gezielten, effektiven Einsatz von Beleuchtungsk\u00f6rpern erreichen &#8211; und nicht dadurch, dass man versucht, die Nacht zum Tage zu machen.<\/p>\n<p>Eine Reduzierung der st\u00e4dtischen Beleuchtung auf das Notwendige w\u00fcrde nicht nur eine Verbesserung der allgemeinen Sicherheit mit sich bringen, sondern auch eine Kostenreduktion, da weniger Material und auch weniger Strom ben\u00f6tigt wird. Und nicht zuletzt gibt es auch eine kulturelle Komponente: Nur der behutsame Einsatz n\u00e4chtlicher Beleuchtungen erlaubt es den Menschen weiterhin, den faszinierenden Anblick des sternen\u00fcbers\u00e4ten Nachthimmels zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p><em>Philipp Heck ist Mitglied von &#8222;Dark-Sky Switzerland&#8220;, einer Fachgruppe der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft, die sich f\u00fcr eine effizientere Au\u00dfenbeleuchtung und eine Reduktion der Lichtverschmutzung einsetzt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dark-Sky Switzerland: Der Schein tr\u00fcgt\u00a0\u2013\u00a0Manchmal ist weniger mehr. von Philipp Heck &#8211; Original erschienen in der MorgenWelt Wissenschaft am 29. November 1999 Auf den ersten Blick scheint der Zusammenhang klar: Je mehr Licht, desto gr\u00f6\u00dfer die Sicherheit. Hell erleuchtete Stra\u00dfen erh\u00f6hen die Verkehrssicherheit. 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